{"id":767,"date":"2021-01-29T16:20:01","date_gmt":"2021-01-29T15:20:01","guid":{"rendered":"http:\/\/wordpress.p126162.webspaceconfig.de\/?p=767"},"modified":"2021-03-02T10:52:18","modified_gmt":"2021-03-02T09:52:18","slug":"geteilte-raeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/skadi.de\/en\/geteilte-raeume\/","title":{"rendered":"Geteilte R\u00e4ume <br> <span style='color:grey;font-size:12px;'>Ausstellung Zionskirche, Berlin, 2011<\/span>"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext\"><b><i>Thilo Seibt-Fotografie, Skadi Engeln-Malerei<\/i><\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Thilo Seibt und Skadi Engeln zeigen die Natur und weisen \u00fcber das dargestellte Sujet hinaus<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>Er\u00f6ffnungsrede von Richard Rabensaat<\/i><\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u00a0Ein waagerechter Horizont, Nebelwolken, verschwimmende Segmente von B\u00e4umen, Bl\u00e4ttern, Bergen und Stra\u00dfen. Weder die Bilder von Skadi Engeln, noch die Landschaften von Thilo Seibt benennen eindeutige Orte oder Pl\u00e4tze. Die Konturen der Pflanzen und Stra\u00dfen die auftauchen, verschwimmen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der Betrachter ahnt bei den Fotos von Thilo Seibt, auf denen Bl\u00e4tter zu sehen sind, nur wo die Bilder entstanden sein k\u00f6nnten. Es k\u00f6nnte ein von der Sonne beschienener Regenwald sein, ein Meer, eine Wattlandschaft. Die Realit\u00e4t erscheint wie durch einen Schleier. Dies ist bei den ausgestellten Fotos zun\u00e4chst einmal auf die \u00d6rtlichkeit zur\u00fcck zu f\u00fchren, in der sie entstanden sind. Aus dem \u00fcberdachten Durchgang einer Metrostation, durch das milchige Glas hindurch fotografiert, erscheinen nur noch Ausschnitte der Natur, die sich hinter der Scheibe findet. Die Fotos k\u00f6nnten ebenso gut im Wald, wie auch in der Gro\u00dfstadt aufgenommen worden sein. Damit f\u00fchrt Thilo musterg\u00fcltig vor, dass die vermeintliche Objektivit\u00e4t der Fotografie nicht mehr ist als eine Fiktion.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ebenso wie der Maler schafft sich auch der Fotograf seine eigene Welt. In der sind Zeichen und Bezeichnetes nicht identisch. Das Zeichen vermittelt bestenfalls eine Ahnung dessen, was sich hinter ihm verbirgt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dies gilt in noch st\u00e4rkerem Ma\u00dfe f\u00fcr die Bilder, die Seibt als \u201eGrisaille\u201c bezeichnet. Eine Horizontlinie unterteilt eine Fl\u00e4che, die sich dem Titel entsprechend grau \u00fcber das Bild ausbreitet. Es finden sich nur noch Andeutungen gegenst\u00e4ndlicher Elemente. Zwei V\u00f6gel fliegen \u00fcber eine spiegelnde Wasserfl\u00e4che, Nebel breitet sich aus \u00fcber einer in milchiges Grau getauchten Ackerfl\u00e4che. Ein Bild, das vermutlich einen See zeigt, auf dem sich die Reste einer Wasserspiegelung finden, kann genau so gut als abstrakte Komposition gelesen werden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Vielleicht narrt der Fotograf den Betrachter, indem er ihm den Ausschnitt von etwas ganz anderem, beispielsweise einer von Schimmel befallenen Mauerwand, pr\u00e4sentiert. Das ma\u00dfgebliche Bild findet sich nicht auf dem Fotoabzug an der Wand. Es entsteht im Kopf. Der Betrachter gleicht die abstrakten Kompositionen von Seibt mit seinem Erfahrungswissen ab.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wie l\u00fccken- und fehlerhaft dieses Bild sein kann, hat Platon beispielhaft in seinem H\u00f6hlengleichnis formuliert. H\u00f6hlenbewohner, die an eine Mauer gekettet waren, sahen stets nur die von einem Feuer an die Wand geworfenen Schatten der Menschen, die sich au\u00dferhalb der H\u00f6hle befanden. Der Schein vergr\u00f6\u00dferte die Umrisse. So erschienen die Menschen den H\u00f6hlenbewohnern als Furcht erregende Riesen, die jeder Plastizit\u00e4t und Dreidimensionalit\u00e4t beraubt waren. Als einer der H\u00f6hlenbewohner endlich von seinen Ketten befreit wurde, trat er aus der H\u00f6hle. Er sah, dass sich die Eingekerkerten in ihrem Gef\u00e4ngnis ein viel zu kleines und bedrohliches Bild von der Welt gemacht hatten. Menschen im Licht der Sonne waren vielgestaltiger, plastischer, ganz anders als ihre Schatten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nicht anders ist die Fotografie generell ein schwaches Abbild der Welt. Dennoch wird ihr vielfach die F\u00e4higkeit zugeschrieben, eine Aneignung der Welt darzustellen. Nicht selten sind Betrachter geneigt, die abgebildete Wirklichkeit f\u00fcr realer zu halten als die greifbare Welt. Das jedoch ist ein Irrtum auf den die Bilder Seibts hinweisen. Wie sehr die Wahrnehmung eines Bildes von der Realit\u00e4t abweichen kann zeigt auch die Bilderserie \u201eW\u00fcstungen\u201c von Thilo Seibt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Zu sehen sind zumeist unspektakul\u00e4re Naturszenarien. Die ausgewogenen Kompositionen fesseln den Betrachter mit einer unbestimmten Ruhe, die sie ausstrahlen. Tats\u00e4chlich handelt es sich um Orte, die oft vor Jahrhunderten belebt waren und nun verlassen sind. Schon diese Information kann der Betrachter dem Bild nicht ohne entsprechendes Vorwissen entnehmen. Seibt hat die Aufnahmen jedoch zudem in der Nacht gefertigt. Nur die \u00fcberlange Belichtungszeit macht eine Szenerie sichtbar, die dem blo\u00dfen Auge verborgen geblieben w\u00e4re. Sie enth\u00fcllt sich ausschlie\u00dflich durch den vom Menschen sonst nicht wahrnehmbaren Restschein des Lichtes in der Nacht. Die Bilderserie zeigt in idealtypischer Weise, dass ein Foto mitnichten seinen Gegenstand exakt benennt. Wie eine Fotografie gelesen wird, bestimmt sich nach den visuellen Erfahrungen, die der Betrachter gemacht hat und nach seinem kulturellen und sozialen Umfeld.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es kann also gesagt werden, dass Thema der Bilder Thilo Seibts nicht das Dargestellte, sondern die dahinter vermutete Realit\u00e4t ist. Die D\u00f6rfer aus der Serie \u201eW\u00fcstungen\u201c sind zwar verschwunden, aber ihre ehemaligen Bewohner haben sicherlich Spuren in der Zeit hinterlassen auch wenn sich diese heute nicht mehr zur\u00fcck verfolgen lassen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Auch f\u00fcr die Bilder Skadi Engelns gilt, dass sie nur vordergr\u00fcndig Landschaften darstellen. Die meisten Bilder der Malerin entstehen nicht in einem Arbeitsgang. Sie sind das Ergebnis vielfacher Korrekturen, Ver\u00e4nderungen und Umdeutungen der Farbsituationen, die den jeweiligen Ausgangspunkt gebildet haben.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die senkrechten Farbschlieren, die sich \u00fcber die neueren Bilder der K\u00fcnstlerin ziehen, deuten an, dass es sich um verborgene Landschaften handelt. Engeln hat die Bilder nach der Katastrophe von Fukushima gemalt. Sie zeigen Landschaften, \u00fcber denen m\u00f6glicherweise \u00e4hnlich wie \u00fcber den Landschaften nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ein radioktiver Fall-out liegt. Welche Spuren die Katastrophe, die sich auf der anderen H\u00e4lfte der Erdhalbkugel abgespielt hat, in Europa hinterlassen hat, ist gegenw\u00e4rtig noch nicht absehbar. Sicher aber ist, dass erheblich mehr Radioaktivit\u00e4t in der Landschaft verbreitet wurde, als die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden zun\u00e4chst zugeben wollten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es geht der K\u00fcnstlerin jedoch nicht darum, auf vordergr\u00fcndige Weise Sozialkritik zu \u00fcben. Das Thema der Malerin ist vielmehr, ebenso wie das des Fotografen, das Bild als m\u00f6gliches Medium einer Seelenlandschaft. Die kann allerdings nur angedeutet werden. W\u00e4hrend die Fotografie jedoch immer in Ruch steht, der Dokumentation verhaftet zu sein, kann die Malerei diesen Bezugspunkt vollst\u00e4ndig vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Bei der Betrachtung der Landschaften Van Goghs oder Paul Klees k\u00e4me niemand auf die Idee, es handele sich um den Anblick einer Landschaft. Maler wie Gotthard Graubner oder Franz Kline oder Robert Motherwell erwecken nicht mehr den Anschein, irgendeine Form gegenst\u00e4ndlicher Abbildung zu beabsichtigen. Mittels abstrakter Formen verfolgen sie die abstrakte Idee von einem Bild. Dem haftet nur der Schein einer Landschaft an. Letztlich hat sie aber jeden gegenst\u00e4ndlichen Bezug hinter sich gelassen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">So weit geht Skadi Engeln allerdings nicht. Nur selten verl\u00e4sst sie das von ihr gew\u00e4hlte Sujet. In der Regel vertraut sie darauf, dass sich mit der von ihre gew\u00e4hlten gegenst\u00e4ndlichen Darstellungsweise eine Stimmung transportieren l\u00e4sst, die dazu einl\u00e4dt, \u00fcber die Bedeutung des unmittelbar Dargestellten hinaus zu reflektieren. Die vielfachen Schichtungen und differenzierten Farbabstufungen lassen komplexe Farbr\u00e4ume entstehen, die dazu einladen, sich l\u00e4nger mit ihnen zu besch\u00e4ftigen. Das h\u00e4ufig gew\u00e4hlte Motiv des perspektivisch in die Tiefe des Bildraumes leitenden Weges tr\u00e4gt ein \u00dcbriges dazu bei, den Betrachter in den gemalten Raum zu ziehen. Das Kompositionsprinzip des in die weite Landschaft f\u00fchrenden Weges verwendete auch der Romantiker Caspar David Friedrich.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Weite, der unbestimmte Raum, die Sehnsucht nach der Ferne waren Themen, die den Maler besch\u00e4ftigten und die sich auch bei Thilo Seibt und Skadi Engeln finden. Die ungebrochene Sch\u00f6nheit der Landschaft und das Versprechen einer Harmonie mit und in der Natur, das sich in den Bilder Friedrich spiegelt, hat heute keinen Bestand mehr.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Friedrichs Thema war auch das Scheitern des Menschen an der Natur, beispielsweise bei dem Schiffsungl\u00fcck im Eismeer mit dem Titel \u201edie verungl\u00fcckte Hoffnung\u201c. Heute hat sich das Verh\u00e4ltnis umgekehrt. Nicht mehr die Natur bedroht den Menschen, sondern der Mensch die Natur.\u00a0 Er kann sie restlos zerst\u00f6ren, wie das zerbombte Bikini Atoll bezeugt, das Jahrzehnte lang f\u00fcr Atomtests herhalten musste, oder auch die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Vor diesem Hintergrund mag der Schleier vor den Bildern Skadi Engelns wie ein giftiger Regen wirken, der hoffentlich kein Menetekel f\u00fcr den k\u00fcnftigen Umgang mit der Natur ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thilo Seibt-Fotografie, Skadi Engeln-Malerei Thilo Seibt und Skadi Engeln zeigen die Natur und weisen \u00fcber das dargestellte Sujet hinaus &nbsp; Er\u00f6ffnungsrede von Richard Rabensaat \u00a0Ein waagerechter Horizont, Nebelwolken, verschwimmende Segmente von B\u00e4umen, Bl\u00e4ttern, Bergen und Stra\u00dfen. 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